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Los geht's

CBu in USA - Der Blog zum US-Wahlkampf 2016

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Tag 10

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Von Christoph Bumb, 9. November 2016 (New York City)

Tausende Menschen demonstrieren auf den Straßen Manhattans. Vom Trump Tower unweit des Central Park ziehen sie auf der Fifth Avenue Richtung Süden und bringen hier den ohnehin dichten Verkehr während über einer Stunde komplett zum Erliegen. Es sind vor allem junge Amerikaner, viele Studenten und linke Aktivisten dabei. Aber längst nicht nur. Im Chor rufen sie "Not my President", "Hey, ho, Donald Trump has to go" oder auch "This is what Democracy looks like". Viele Passanten spenden spontan Beifall oder schließen sich gar der friedlichen Demonstration an.

Auch an anderen Orten in den USA, etwa Los Angeles, Oakland oder Chicago, demonstrieren Zehntausende. Es ist eine Mischung aus Trotz, Widerstand und Hilfslosigkeit. Denn während in den amerikanischen Großstädten demonstriert wird, arbeitet der gewählte neue Präsident Donald Trump bereits an der Übernahme der Regierungsgeschäfte.

Jung gegen alt, Stadt gegen Land, Weiße gegen Schwarze und andere Minoritäten: Die Wahl Donald Trumps offenbart auf ein Neues die tiefe Spaltung der USA. Während in New York und anderen liberalen Hochburgen an der West- und Ostküste die Verzweiflung groß ist, gibt es aber auch Millionen Amerikaner, die eben diesen Präsidenten - sei es aus Überzeugung oder aus Protest - gewählt haben. Von Massendemonstrationen in Texas, Kentucky oder Wyoming ist jedenfalls nichts bekannt.

Fest steht: Donald Trump ist gewählt. Wie es heute aussieht, wird er zwar nicht die Mehrheit aller Amerikaner laut "popular vote" hinter sich haben. Das ist laut US-Wahlsystem aber nun einmal nicht entscheidend. Bei allem gebotenen Respekt vor der demokratischen Entscheidung der Amerikaner, darf aber schon jetzt bezweifelt werden, ob ausgerechnet Trump der richtige Mann ist, um die Spaltung des Landes zu überwinden.

Bis zum 20. Januar im kommenden Jahr wird die neue Trump-Administration stehen. Bei der an diesem Tag traditionell in Washington DC stattfindenden "Inauguration" des neuen Präsidenten werden sich aber wohl einige der heute Demonstrierenden wieder einfinden. Den "Vereinigten" Staaten von Amerika stehen unruhige Zeiten bevor. Die heute in New York fühlbare Stimmung in Teilen des Volkes wird jedenfalls nicht so leicht verschwinden.

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Tag 9

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Tag 8

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Von Christoph Bumb, 7. November 2016
(Philadelphia, Pennsylvania)


Der Wahlkampfabschluss der Demokraten in Philadelphia war eine große Show. Aber auch ein großer Logistik- und Sicherheitsaufwand. Die halbe Innenstadt wurde von der Polizei abgeriegelt. Meilenlange Staus bildeten sich auf der Autobahn, weil die Autokorsos mit den hochrangigen Gästen rechtzeitig zum Veranstaltungsort kommen mussten.

Rund 20.000 Menschen hatten dann das Glück vor der geschichtsträchtigen Independence Hall, wo 1776 die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten verlesen wurde, ziemlich hautnah dabei zu sein. Manche von ihnen hatten den ganzen Tag in der Schlange gestanden, um sich einen guten Platz für das Happening zu sichern.

Weitere rund 20.000 (darunter auch ich) konnten so nur aus der Ferne einen optischen Hauch von der historischen Kundgebung erhaschen. Die Rede von Präsident Barack Obama - neben dem einleitenden Konzert von Bruce "The Boss" Springsteen der eindeutige Höhepunkt des Abends - konnten jedoch alle Beteiligten in gleich hoher Qualität verfolgen. Es herrschte Aufbruchstimmung in den Straßen von "Philly". Niemand zweifelte daran, dass man heute den aktuellen Präsidenten und die künftige, erste Präsidentin gemeinsam auf der Bühne erleben konnte.

Nicht nur wegen des Ortes, sondern auch wegen dieser Rede hatte die Veranstaltung etwas Historisches. Es war Obamas letzter Wahlkampfautritt, zumindest als Präsident. Er verteidigte in gewohnt rhetorisch starker Weise die Erfolge in seiner Amtszeit und strich Hillary Clinton als logische und ideale Erbin seiner Präsidentschaft hervor. Und er verkniff sich nicht diverse Seitenhiebe auf Donald Trump.

Viel Zeit, um den Abend zu verdauen, habe ich aber leider nicht. Morgen bzw. heute bzw. Dienstag bzw. in ein paar Stunden geht es weiter nach New York. Dort werde ich mir sowohl den Akt der Wahlen näher anschauen als auch schon nach einem guten Platz zum Mitfiebern am Wahlabend Ausschau halten.

Der Times Square ist der Klassiker. Die Wahlparties der Kandidaten, die freilich nur in einem Fall eine wirkliche Party sein werden, sind eine weitere Option. Für eine gewisse Kandidatin habe ich sogar eine bestätigte Anmeldung. Ich weiß aber immer noch nicht, ob ich - rein logistisch, versteht sich - alles auf eine Karte setzen soll. Es gibt aber auch noch eine dritte, interessante Alternative ...

An dieser Stelle werde ich mich allerdings bis nach dem Feststehen des Resultats verabschieden. Für die eigentliche Wahlberichterstattung gibt es definitiv bessere Orte als diesen Blog. Und vor allem: ab jetzt spricht erst einmal der amerikanische Souverän.
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Tag 7

Von Wahlkampf keine Spur

Fotos: C.B./L.B.
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Von Christoph Bumb, 6. November 2016 (Washington DC)

Nach dem Ohio-Roadtrip und den vielen Eindrücken aus dem "anderen", ruralen Amerika ging es am Sonntag in die Hauptstadt. In Washington DC herrscht eine ganz andere Stimmung. Von Wahlkampf keine Spur - wenn man die hier eingeflogenen Hunderten Journalisten aus aller Welt mal beiseite lässt.

Das Erlebnis von der Trump-Rally in Wilmington/Ohio und die Gespräche mit den selbsternannten "decent Americans" haben mich schon beeindruckt. Es ist eben doch etwas anderes, wenn man selbst dabei ist und das alles nicht nur aus sicherer Entfernung mitbekommt.

Die Rolle der Medien in diesem Wahlkampf beschäftigt mich freilich auch immer. Bei den Trump-Fans wurden die Journalisten auf der Pressetribüne noch kollektiv ausgebuht. Das war surreal und erschreckend zugleich. Daran änderte dann auch nichts, dass viele der Buhenden später sehr freundlich in mein Mikro der bösen Luxemburger "Lügenpresse" sprachen.

"Lügenpresse" im Fokus

Wie die Medien mit dieser aggressiven Stimmung im Wahlkampf umgehen, wird mein nächster Schwerpunkt auf dieser Reise. In Milwaukee hatte ich schon das Glück, mich mit einigen Kollegen im Newsroom des "Milwaukee Journal Sentinel" auszutauschen. Hier in Washington kommt man auch immer wieder mit Berufsgenossen ins Gespräch.

Besonders interessant für mich ist dabei die Sicht von Philip Crowther. Er ist "White House Correspondent" für den Sender France 24 und berichtet auch für Radio 100,7 von den Wahlen in den USA. Crowther ist in Luxemburg aufgewachsen und hat sich hier bis ganz nah an das Zentrum der Macht hochgearbeitet. Jetzt sitzt er in der US-Hauptstadt und reist in diesem Wahlkampf täglich im ganzen Land umher. Mehr dazu in Kürze.

Auf zu Obama und "The Boss"

Von Washington geht es heute übrigens (halbwegs spontan) nach Philadelphia, wo die Demokraten ihren Wahlkampfabschluss abhalten. Neben den Clintons und den Obamas und weiteren Granden der Partei hat sich auch der "Boss", Bruce Springsteen, als Unterstützer angekündigt. Die Stimmung wird wohl etwas anders sein als bei den Trump-Fans im tiefsten Ohio.

Ich erwarte jedenfalls nicht, dass Barack Obama seine Fans dazu anstachelt, die "very dishonest people" auf der Presstribüne zu schmähen. Zumindest das scheint in diesem Wahlkampf ausgeschlossen.



Fotos: C.B./L.B.
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Tag 6

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Video: Christoph Bumb
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Video: Christoph Bumb
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Tag 5

So langsam wird es ernst

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Von Christoph Bumb, 3. November 2016 (Detroit, Michigan)

In den Umfragen ist "The Donald" wieder bedrohlich nah an seine demokratische Konkurrentin Hillary Clinton heran gekommen. Im Durchschnitt von "RealClearPolitics" beträgt der nationale Vorsprung von Clinton nur noch zwei Prozentpunkte (45 zu 43 Prozent). Vor allem aber hat Trump in den entscheidenden Battleground-Staaten Boden gutgemacht.

So langsam steigt auch bei den US-Bürgern die Spannung. Bald hilft jedenfalls jegliches Gerede und Geschreibe nichts mehr. In fünf Tagen spricht der Souverän. Bis dahin wird er aber noch verstärkt mit Wahlveranstaltungen, Anrufen, Emails und TV-Werbespots bearbeitet werden.

Für mich geht es heute von Milwaukee nach einem Zwischenstopp in Detroit/Michigan Richtung Ohio. Der "Swing-State" par excellence steht seit mehreren Jahrzehnten im Fokus der Wahlkampf-Endphasen. Auch dieses Mal machen beide Kampagnen hier Halt.

So auch Donald Trump, der in Wilmington/Ohio eines seiner letzten Wahlevents steigen lässt. Ich werde dabei sein. Näher an das Phänomen (ok, ich weiß, dass das Wort mittlerweile etwas überstrapaziert wird) werde ich in den kommenden Tagen wohl nicht kommen...
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Tag 4

"Feeling the Bern"

Fotos: C.B.
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Von Christoph Bumb, 2. November 2016 (Milwaukee, Wisconsin)

Meine erste US-Wahlkundgebung liegt hinter mir. Mit Bernie Sanders habe ich wohl nicht den besten Redner der USA gesehen, aber sicher auch nicht den schlechtesten. Die verkörperte Hoffnung der US-amerikanischen Linken arbeitete sich wie gewohnt und in doch beeindruckend kompletter Form an den sozialen Ungerechtigkeiten seines Landes ab. Der eigentliche Grund, warum Sanders in Milwaukee sprach - die Wählermobilisierung für Hillary Clinton - geriet dabei etwas in den Hintergrund. Genau zwei Mal sprach Sanders den Namen seiner einstigen Konkurrentin in den demokratischen Vorwahlen überhaupt ausdrücklich aus. Ansonsten machte er eher Wahlkampf für sich und seine eigenen Ideen.

Interessanter als die Rede an sich war aber ohnehin das, was rundherum passierte. Bereits zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung im Turner Hall Ballroom in Downtown-Milwaukee begann das Spektakel. Wahlhelfer strömten aus, sprachen Passanten an und verteilten Schilder und Sticker mit "Hillary for America". Später sorgten vor allem jene Kampagnenmitarbeiter, die beim Aufbau mitgeholfen hatten, auch im Saal für Stimmung.

"Trump ist ein Monster"...

Im Gespräch mit den Anhängern fällt auf: Der Hass beschränkt sich in diesem Wahlkampf nicht auf die republikanische Seite. Von "Ich hasse Trump" über "Trump ist ein Monster" bis hin zu „Trump ist für die Republikaner das, was der IS für den Islam ist“ werden die Bernie- und Hillary-Fans ziemlich kreativ. Der Unterschied ist wohl aber: Ihr Hass ist letztlich eine Reaktion auf den von Donald Trump auf seinen Rallies gepredigten Hass. Und: Hier will keiner den Kandidaten der Gegenseite hinter Gitter bringen. Man will nur verhindern, dass er ins Weiße Haus einzieht. Das ist dann doch irgendwie legitim.

Damit das auch gelingt, fahren die Demokraten im Wahlkampfendspurt alles auf, was sie an Wählermagneten haben: Neben Hillary Clinton und ihrem Vize-Präsidentschaftskandidaten Tim Kaine touren auch Präsident Barack Obama, First Lady Michelle Obama, Vizepräsident Joe Biden, Ex-Präsident und eventueller erster „First Man“, Bill Clinton, aber auch Popstars wie Jay Z oder Katy Perry als prominente Unterstützer durch die noch umkämpften „Swing-States“.

Und eben auch Bernie "Feel The Bern" Sanders, dessen Enthusiasmus für eine Clinton-Präsidentschaft aber definitiv noch ausbaufähig ist. Man merkt aber auch, dass für viele an der demokratischen Basis Sanders die erste Wahl war. Jetzt, mit Hillary Clinton, geht es eben vor allem darum die "Katastrophe" Donald Trump zu verhindern, wie es eine junge afroamerikanische Studentin formuliert. Die Verhinderung von Trump bleibt auch auf den letzten Metern Clintons stärkstes Argument - ob das ausreicht, bleibt freilich abzuwarten.

Luxemburg ist ein Begriff...

Vor der Rally hatte ich noch das Vergnügen, mich mit einigen Journalistenkollegen auszutauschen. Im Newsroom des "Milwaukee Journal Sentinel" erzählt die Reporterin Mary Spicuzza etwa, wie sie Donald Trump zwei Mal persönlich traf und interviewte. Das war noch in den Vorwahlen. Als sie hört, dass ein Ziel meiner Reise ist, das Phänomen Trump zu verstehen, schmunzelt sie, und sagt: "Oh, that's pretty ambitious." Einer ihrer Kollegen fügt später hinzu: "Let us know, if you figure it out!" Aber dazu in den kommenden Tagen mehr.

Ach ja, die allermeisten Einwohner von Wisconsin wussten auf Anhieb ganz genau, was und wo Luxemburg ist. So auch der diensthabende "Editor" des Journal Sentinel. "We have Donald Trump, you have your secret banks", scherzt er. Naja, der Witz war ok, der Vergleich aber etwas schief. Erstens sind die Bankkonten von Ausländern in Luxemburg gar nicht mehr so secret, wie sie einmal waren. Und zweitens könnte das Phänomen Donald Trump im Gegensatz zum Luxemburger Bankgeheimnis ab der kommenden Woche noch eine folgenreiche Zukunft haben...


Fotos: C.B.
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Tag 3

Luxemburgisch lebt!

Fotos: C.B.
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Von Christoph Bumb, 1. November 2016 (Belgium, Wisconsin)

Wie war das noch mit dem "Aussterben" der luxemburgischen Sprache? Kann ich bei bestem Willen nicht bestätigen. Sogar im tiefsten Wisconsin, geschätzte 7.000 Kilometer von zu Hause entfernt, finde ich Menschen, die unsere Sprache sprechen. Zum Beispiel John Jentges, ein rüstiger, 84-jähriger gelernter Klempner, der nur ein Mal in seinem Leben im Großherzogtum war und mich in seinem Heimatort namens Belgium mit den Worten "An, wat maacht dir dann hei?" begrüßt.

Die Vorfahren von John Jentges sind Ende des 19. Jahrhunderts aus Luxemburg ausgewandert und haben ihr Glück in den USA gesucht (und gefunden). Im heutigen 2.000-Seelenort nördlich von Milwaukee, direkt am Lake Michigan gelegen, hatte sich damals eine ganze Luxemburger Gemeinde angesiedelt. Heute gibt es zwar nur noch wenige, die so fließend Lëtzebuergesch sprechen wie Jentges. Das Erbe und die Tradition wird jedoch weiter gepflegt.

Das merkt man schon bei der Ortseinfahrt. "Wëllkomm to Belgium - Home of the Luxembourgers" heißt es auf dem Ortsschild. An vielen Straßenecken wird man an die Vergangenheit der luxemburgischen Auswanderer erinnert. Im Ortskern befindet sich ein Museum, das von der "Luxembourg American Cultural Society" betrieben wird. Jährlich finden hier Events statt, allen voran das Luxembourg Fest im August, inklusive Träipen-Wettessen.

Das Museum, in dem man sich sowohl über die Immigrations- als auch über die jüngere Landesgeschichte informieren kann, liegt - wie sollte es anders sein - am "Grand Duke Henri Plaza". Eine Büste von Großherzog Henri zu Ehren des Namensgebers steht in einem wohlgepflegten kleinen Park nebenan.

Wisconsin wird zum "Battleground"

Ebenso nebenan - und damit zurück zum eigentlichen Thema - ist das Gemeindezentrum von Belgium angesiedelt, das in diesen Tagen auch als Wahlbüro dient. Die Einwohner nutzen die Möglichkeit der vorzeitigen Wahl, sind aber nicht allzu auskunftsfreudig, wenn man sie nach dem demokratischen Akt zu ihrer politischen Einstellung befragt.

Ganz anders John Jentges. Eigentlich würde er weder für Trump noch für Clinton stimmen wollen, eine der Drittparteien komme aber nicht in Frage. Wenn es um Politik geht, spricht er allerdings lieber auf Englisch. "Alle sind unehrlich und charakterlich nicht überzeugend", sagt er zum diesjährigen Kandidatenfeld. Vielleicht sei Trump aber "einen Tick weniger unehrlich als Clinton", so sein Urteil. Dass er am 8. November seine Stimme abgeben werde, sei aber sicher, so der 84-jährige dann wieder auf Luxemburgisch. "Dat ass sou secher wéi den Doud!"

Der für Jentges "einen Tick weniger unehrliche" Donald Trump hat heute übrigens kurzfristig einen Zwischenstopp in Wisconsin eingelegt. Leider nicht in Belgium, sondern in der über 400 Kilometer entfernten Stadt Eau Claire, an der Grenze zu Minnesota. Das für den 8. November eigentlich fest von den Demokraten eingeplante Wisconsin gehörte mit seinen 10 Wahlmännerstimmen bisher eher zu den latenten "Swing-States".

Das Rätsel der "Unentschiedenen"

Jetzt, urplötzlich, versammeln sich hier dann doch beide Kampagnen. Am Dienstag war Trump da, morgen (Mittwoch) kommt Bernie Sanders zur Unterstützung seiner einstigen parteiinternen Widersacherin Hillary Clinton geeilt. Auf den letzten Metern des Wahlkampfs gilt es jedenfalls, die eigene Basis zu mobilisieren und noch um die letzten unentschiedenen Wähler zu buhlen.

A propos: Dieses Phänomen ist wohl das, was ich auch nach meiner Abreise nach den Wahlen nicht verstehen werde. Wie kann es in diesem Wahlkampf, Clinton gegen Trump, eigentlich so kurz vor Schluss noch "Unentschiedene" geben? Sollte nicht mittlerweile klar sein, wofür die beiden Kandidaten stehen? Worauf warten die Bürger noch?

Eine Erklärung, die auch der renommierte Wahlforscher Barry Burden von der University of Wisconsin-Madison teilt, lautet: Viele Wähler hadern mit den Kandidaten der beiden großen Parteien. Das hört man auch hier in Wisconsin sehr oft. Jede Stimme für den Libertären Gary Johnson oder die Grüne Jill Stein ist aber letztlich eine verlorene Stimme. In diesem Sinn sind es wohl wirklich "Unentschiedene". Ob die Reden und Last-Minute-Auftritte der Kandidaten in den betreffenden Staaten jedoch an dieser Verdrossenheit etwas ändern können, sei dahingestellt. Ich werde mir das offizielle Wahlkampfspektakel in den kommenden Tagen dennoch etwas mehr aus der Nähe anschauen.


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Tag 2

Fotos: C.B.
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Von Christoph Bumb, 31. Oktober 2016 (Port Washington, Wisconsin)

Der Kontrast könnte kaum größer sein. Am Morgen war ich noch in New York, konnte auf der Zugreise von Queens nach Newark/New Jersey, von einem Flughafen zum anderen, zwar nur ein paar Blicke von der Skyline von Manhattan erhaschen. Dann ging es aber nach Plan etwas tiefer in das Kernland der USA.

Gegen 16 Uhr lande ich in Milwaukee/Wisconsin. Von hier aus geht es mit dem Mietauto Richtung Norden - das Ziel Belgium fest vor Augen. Beim Zwischenstopp in Port Washington, einer malerischen Kleinstadt am Lake Michigan fallen einem dann aber schon die luxemburgischen Wurzeln ins Auge. Bei einem kühlen Bofferding, das hier als "classic import" im Supermarkt verkauft wird, könnte man den Abend am Hafen jedenfalls ganz nett ausklingen lassen. Wer für den Druckfehler bei der Werbung im Schaufenster verantwortlich ist, bleibt hingegen fraglich. Fest steht: Es war "available".

Von Bofferding zu Fox News

Beim Studieren der Nachrichten fällt der krasse Unterschied auf, wie die Medien in diesem Wahlkampf funktionieren. In der New York Times lese ich auf über drei Seiten die ziemlich nüchterne Berichterstattung über den neuesten Akt der sogenannten Email-Affäre von Hillary Clinton sowie tiefgründige Analysen über die Strategien zur Wählermobilisierung beider Parteien in den "Swing States".

Nach dem Frühstück konnte ich aber auch noch etwas Fernsehen. Ich entscheide mich für Fox News - übrigens mit ein Grund, dass ich überhaupt in die USA wollte: Fox News schauen. Dort geht es schon weniger nüchtern und tiefgründig zu. In Endlosschleife wird auf dem bekennenden pro-republikanischen Sender immer wieder Hillary Clintons "Huge Mail Scandal" mit dramatischer Musik eingeblendet.

Was die Demokratin genau angestellt oder versäumt hat, erfährt man im Gegensatz zur New York Times aber leider nicht. Doch nach nur kurzem Einschalten weiß man: Es muss etwas sehr, sehr Schlimmes sein.

Die Rolle der Medien im Wahlkampf wird mich in meiner Zeit hier übrigens auch noch beschäftigen. Ich will aber nicht zu viel verraten. Ein Tag nach dem anderen.


Fotos: C.B.
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Foto: AFP
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Von Christoph Bumb, 31. Oktober 2016 (Port Washington, Wisconsin)

Donald Trump ist überall. Im TV, in der Zeitung, in meinem seit einigen Wochen leicht einseitig gefülltem Newsfeed in den sozialen Medien sowieso. Trump sagt dies, Trump beleidigt das. Skandal folgt auf Skandal. Wobei die Bedeutung des Wortes „Skandal“ bei der Betrachtung des laufenden US-Wahlkampfs langsam, aber sicher seine Bedeutung verliert.

Wie der Mann, der mexikanische Einwanderer pauschal als Kriminelle und Vergewaltiger bezeichnete („and some, I assume, are good people...“), die man nur mit einer großen Grenzmauer vor der Einreise in die USA abhalten kann, zum Kandidaten der Republikaner werden konnte, bleibt erstaunlich. Wie der Kandidat, der einen Einreisestopp für Muslime verhängen will („until we figure out what the hell is going on...“), eine ausgeklügelte Strategie im Kampf gegen den Islamischen Staat entwickelt hat („bomb the shit out of them...“) und den Einsatz von Atomwaffen selbst für Europa nicht ausschließt („nothing is off the table...“), jetzt immer noch Chancen hat, am 8. November zum nächsten Präsidenten gewählt zu werden, ist mehr als nur erstaunlich.

Und zwar nicht nur für Europäer, sondern auch für einen wesentlichen Teil von Trumps Landsleuten. Das bekommt man schon in kurzen Smalltalks in der Bar, in der Bahn oder in der Hotellobby mit, die sich in diesen Tagen nicht so sehr ums Wetter, sondern fast nur um Politik drehen.

Millionen Amerikaner hinter Trump

Warum also "Land of the Trump"? Das mit der Atombombe und Europa sollte ja eigentlich schon Grund genug sein, sich mit diesem Mann und seinen Aussagen etwas näher zu beschäftigen.

Donald Trump ist aber mehr als seine Aussagen und sein Hang zur massenmedial vervielfältigten Provokation. Hinter dem Phänomen stehen Millionen Amerikaner, die seine Worte nicht wirklich skandalös, sondern angemessen finden und ihn als Person nicht belächeln, sondern bewundern. Millionen Amerikaner, die ihn – komme, was wolle – der erfahrenen demokratischen Alternative namens Hillary Clinton vorziehen. Millionen Amerikaner, die jetzt schon für ihn gewählt haben. Millionen Amerikaner, von denen ich in den kommenden Tagen jedenfalls einige treffen möchte.

Um sie zu treffen, muss ich natürlich etwas weiter in das Kernland der auserwählten Nation vordringen als wir Europäer das in der Regel tun. Trumps einfache Botschaft des „Make America Great Again“ verfängt nämlich vor allem im ruralen, mehrheitlich weißen und mehrheitlich männlichen Amerika. Mit seinem radikalen Anti-Establishment-Diskurs, seinem Kreuzzug gegen die „political correctness“, den er so konsequent durchzieht, wie wohl kein anderer Kandidat zuvor, trifft er offensichtlich einen Nerv in der US-amerikanischen Gesellschaft.

Ich will dort hin, wo der Trump-Wähler ist

Man kann davon halten was man will, man kann es gefährlichen Populismus, pure Demagogie, verrückt oder Ähnliches nennen, man kann darüber Witze reißen oder auch versuchen, es komplett auszublenden – doch der Fakt, dass hinter Trump Millionen von Wählern stehen, lässt sich nicht bestreiten.

Diesen Fakt gilt es zunächst anzuerkennen. Ebenso muss man aber anerkennen, dass es eben mindestens genau so viele Amerikaner gibt, die sich von Trump abgestoßen fühlen. Nur so kann man versuchen, das Phänomen und die aktuelle Lage der US-Politik als Ganzes zu verstehen.

Darum habe ich mich bei meiner Reise auch nicht auf die übliche Route eines unbedarften Europäers beschränkt. Ich will nicht nur nach Washington DC und New York, wo am Wahlabend in jedem Fall die Siegerparties steigen werden. Dort will ich auch sein. Vorher will ich aber dort hin, wo der Trump-Wähler ist.

Zwischen Trump-Land und Hillary-Country

Etwa nach Ohio, wo sich die Kluft zwischen liberaler Ostküste und konservativem Mittleren Westen, zwischen Stadt und Land, zwischen Demokraten und Republikanern verfestigt hat und wo die Umfragen bis zum Schluss ein enges Rennen voraussagen. Ich will aber auch dort hin, wo die Vorstellung herkommt, dass Amerika nicht mehr „great“ ist und dass es nur von einem milliardenschweren Politik-Außenseiter mit einem Hang zu einfachen Lösungen wieder „great“ gemacht werden kann. Meine europäische Unbedarftheit nehme ich freilich überall hin mit.

Jetzt könnte man einwenden: Was ist denn mit Hillary Clinton? Geht es hier nur um Trump? Ich kann Sie beruhigen. Auch die demokratische Kandidatin wird an dieser Stelle noch eine Rolle spielen. Und auch die Clinton-Wähler aus Hillary-Country will und werde ich treffen. Aber wie gesagt: Eins nach dem anderen...



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Tag 1

Eine Frage der Perspektive

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Von Christoph Bumb - 30. Oktober 2016 (im TGV Luxemburg-Paris)

"Wann sind diese Wahlen endlich vorbei ?!", fragt mich noch am Wochenende ein guter Freund. "In ziemlich genau zehn Tagen", antworte ich, "also bald". Dabei merke ich selbst, dass das Wörtchen "bald" eindeutig eine Definitionsfrage ist. Zehn Tage können lang sein.

Andererseits: Was sind schon zehn Tage, wenn man bedenkt, dass der US-Wahlkampf schon seit gut eineinhalb Jahren andauert? Ja, es sind tatsächlich schon fast 17 Monate her, dass ein gewisser Donald Trump seine Kandidatur zur Präsidentschaft der USA verkündete und damit eine neue Ära in der amerikanischen Politik einläutete.

Sich selbst ein Bild machen

Höchste Zeit jedenfalls, um sich ein eigenes Bild vor Ort zu machen, dachte ich. Und mein Arbeitgeber, ein gewisses "Luxemburger Wort", dachte sympathischerweise ganz ähnlich.

So habe ich das Glück, für knapp zwei Wochen in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten aufzubrechen. Meine Stationen: Von Paris geht es nach New York, dann nach Wisconsin, Michigan, Ohio, Washington DC und nochmals New York. Aber dazu bald mehr.

Ich will drei Dinge:

1. das Phänomen Trump verstehen.

2. überhaupt verstehen.

3. Wenn ich es verstanden habe, darüber schreiben. (Obwohl: Schreiben muss ich in jedem Fall. Ich werde ja nicht allein fürs Nachdenken bezahlt...)

Europäische Brille ablegen

Deshalb versuche ich meine europäische Brille spätestens im Flieger abzulegen. Ich weiß: Absolute Objektivität ist eine Illusion (auch und besonders im Journalismus). Aber man kann zumindest versuchen, so vorurteilsfrei wie möglich an die Sache heran zu gehen. Das ist der Plan.

Denn es wäre ja einfach, zu sagen: "Die Amis sind so." Kurz vor meiner Abreise sagt ein Journalistenkollege (ich nenne jetzt keine Namen, aber er weiß, wer gemeint ist) ebendiesen verlockenden Satz, um das Phänomen Trump zu "erklären".

Will heißen: Die Amis sind so dumm, so arrogant, sie wissen nichts vom Rest der Welt, wissen nicht, wie die Hauptstadt von Belgien heißt, wo Portugal auf der Landkarte liegt oder - noch weitaus schlimmer - wer oder was Luxemburg ist. Stichwort: "It's in Germany, right?!"

Und die Hauptstadt von Idaho heißt...

Das mag von Fall zu Fall ja auch stimmen. Und ich werde freilich bei Gelegenheit versuchen, diese europäisch und vor allem auch unter Journalisten bewährte "Dumme-Amis-These" empirisch zu überprüfen.

Allerdings bezweilfle ich bei solchen Gesprächen für mich immer, ob wir in Europa denn eigentlich so viel besser, gebildeter und unarroganter sind.

Denn: Wir haben zwar keinen Trump, dafür aber einen Orban, eine Le Pen, einen Farage und viele mehr. Wir haben zwar keine Sarah Palin, dafür aber Frauke Petry.

Oder anders: Wir wissen vielleicht, dass die Hauptstadt von Belgien Brüssel heißt. Aber könnten wir spontan South Dakota oder Wyoming auf einer Karte einzeichnen?

Oder noch anders: Wie heißt eigentlich die Hauptstadt von Idaho? (Googeln verboten!)

Es ist also alles eine Frage der Perspektive.




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Eine andere Liga

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Von Christoph Bumb, 30. Oktober 2016 (Paris, Flughafen Charles de Gaulle, Terminal 1)

Ich gebe zu, dass diese Reise etwas Besonderes ist. Ja, ich gebe auch gerne zu, dass sich in den Tagen vor dem Abflug bei mir eine gewisse Aufregung eingestellt hat. Manche würden es wohl positive Nervosität nennen.

Eigentlich auch kein Wunder für einen luxemburgischen Journalisten, der gewöhnlich über Themen wie den Staatshaushalt, die Verfassungsreform oder Parteitage von CSV und LSAP schreibt. Wenn ich nicht gleich den Flieger Richtung USA nehmen würde, würde ich mich wahrscheinlich mit dem Kurswechsel der DP in Sachen Finanzpolitik beschäftigen: Vom "Méi mat manner" beim Amtsantritt wurde jetzt nämlich auch ganz offiziell "däitlech méi an der Täsch"...

Egal. Das muss warten. Und, ich gebe zu, das ist auch gut so. Nichts gegen Xavier Bettel, Alex Bodry, Claude Wiseler oder Viviane Loschetter – aber der Präsidentschaftswahlkampf in den USA ist dann doch eine andere Liga.
 
Allerdings ist es wohl auch ein anderes Niveau. Für Beobachter, die gewohnt sind, dass Politiker im Wahlkampf – zumindest hin und wieder – über Inhalte und konkrete Reformvorschläge sprechen, wirkt die aktuelle Schlammschlacht zwischen Demokraten und Republikanern wie ein Kulturschock. Nichts gegen Hillary Clinton, Donald Trump oder Gary Johnson – aber luxemburgische Politik hat auch etwas für sich. Das weiß ich schon jetzt durchaus zu schätzen.
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Angekommen

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Von Christoph Bumb, 31. Oktober 2016 (New York City, Jamaica-Queens)

Paris Charles de Gaulle - New York JFK in knapp sieben Stunden, in weniger als 30 Minuten durch die Passkontrolle, in 15 Minuten mit dem Taxi zum Hotel: Eine USA-Reise könnte stressiger starten.

Das einzige, was mich ein bisschen verwirrt hat, war mein Sitznachbar im Flugzeug. Bisher dachte ich, bei einem Langstreckenflug gehe es darum, so schnell und sicher wie möglich von A nach B zu kommen. Jetzt weiß ich: Für manche geht es offenbar darum, so schnell wie möglich so viel wie möglich zu verzehren. Ein Cheeseburger mit großer Portion Fritten, zwei Dosen Bier, ein Club-Sandwich, ein Bagel, zwei Donuts, und später, nach einem Nickerchen noch zwei, drei Dosen Bier. Ansonsten war der Mann aber ganz nett. Und es wird wohl nicht das letzte Mal sein, dass ich auf dieser Reise etwas Neues erlebe.

Heute Mittag geht es weiter nach Milwaukee/Wisconsin. Von dort ist es dann auch nicht mehr weit bis zu einer Kleinstadt namens Belgium, wo es vor eineinhalb Jahrhunderten nur so vor Luxemburgern wimmelte. Zum alljährlichen "Luxemburg-Fest", inklusive Träipen-Wettessen, komme ich zwar zu spät. Ich freue mich aber trotzdem.

Foto: C.B.
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Karte

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Tag 1: Aufbruch ins Ungewisse

Tag 2: Von der Metropole in die Provinz

Tag 3: "Home of the Luxembourgers"

Tag 5: Auf den Spuren des Trump

Tag 4: Mitten im Wahlkampf

Tag 6: Eine neue Perspektive

Tag 7: Vom "rural America" ins Zentrum der Macht

Tag 8: Ein letztes Mal Obama

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